Und kunst so?

Ein ARTikel über die jüngsten bedeutenden Ausstellungen in Kassel & Berlin

Nachdem er gefühlt gar nicht so richtig dagewesen war, mussten wir uns nun auch kalendarisch endgültig vom Sommer 2017 verabschieden, aber in Bezug auf die (bildenden) Künste war es immerhin ein ereignisreicher mit einigen Akzentsetzungen. Das ergibt sich allein schon dadurch, dass mal wieder documenta-Jahr war, denn die renommierte und weltweit größte Ausstellung für zeitgenössische Kunst findet bekanntlich nur alle fünf Jahre statt und genießt damit immer mindestens schon mal Seltenheitswert. Außerdem wurde die traditionell in Kassel beheimatete Schau in der diesjährigen Ausgabe zum ersten Mal als bilaterales Event mit einem zweiten Standort in Athen veranstaltet – und auch in der deutschen Hauptstadt gab es in der Kunstszene Neuerungen in Form einer neuen Messe sowie der Eröffnung eines Museums für Urban Art zu verzeichnen. Ich konnte bei all dem als Besucher dabeisein (außer in Athen, leider) und möchte dazu an dieser Stelle ein paar Eindrücke notieren.

documenta 14

Der Stellenwert der documenta ist so groß, dass die Berichterstattung entsprechend umfangreich ausfällt, und davon hatte ich natürlich vor meinem Besuch auch schon etwas mitbekommen, sodass mein Blick auf die Ausstellung nicht mehr ganz unverstellt sein konnte. So kritisierte das Kunstmagazin art in einem Sonderheft zur documenta etwa eine gewisse Verkopftheit, mit der die Ausstellung zu sehr „von der Theorie her gedacht“ sei und den Besucher letztlich ästhetisch unbefriedigend mit der (politischen) Unzulänglichkeit der aktuellen Weltverfasstheit konfrontiere: die Ausstellung als moralische Anstalt mit erhobenem Zeigefinger, die Kunst degradiert zum bloßen Illustrationsmedium – und überhaupt fiel die Kritik durch die Bank verhalten bis vernichtend aus.

Ich kam also mit eher niedrigen Erwartungen nach Kassel, und die wurden dann auch weitgehend eingelöst. Wo die Ausstellung in der documenta-Halle beeindruckt, tut sie das hauptsächlich durch die schiere raumgreifende Ausdehnung einiger Arbeiten (z.B. die Wollwülste von Cecilia Vicuña oder die über 23,5 m gestickte „Historja“ von Britta Marakatt-Labba), aber ansonsten vermittelt vieles denselben Eindruck von kaum spektakulärer Beliebigkeit wie auch das Gros der Exponate im Fridericianum, wo im Rahmen der Städtepartnerschaft die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst präsentiert wird. Zwei Arbeiten möchte ich aber auch aus der dortigen Ausstellung noch hervorheben: Zum einen die ebenfalls raumgreifende Installation „Slumber“ von Janine Antoni, die einen Webstuhl, ein Bett, ein EEG-Gerät und eine 40 m lange Decke umfasst, in die das Muster von Hirnströmen der Künstlerin im Schlaf eingewebt wurden, was dann neben der räumlichen Ausdehnung doch auch durch die Idee beeindruckend ist, und zum anderen die Fotografie „Nisyros“ von Panos Kokkinias. Auch hierbei spielt der Faktor Größe wieder eine Rolle (die Maße sind 1,5 × 3 m), aber was dann vor allem im Gedächtnis bleibt sind die imposante Schärfe (z.B. der Felsen im Hintergrund) sowie die Frage, wie das Bild überhaupt technisch entstanden ist, denn es erscheint kaum wahrscheinlich, dass die Menge der abgebildeten, anscheinend ihrerseits gerade fotografierenden respektive für private Fotos posierenden Personen sich zur selben Zeit am selben Ort befunden haben soll. Apropos Fotografie: Da waren ja auch noch die „Photo Notes 1992–2017“ von Hans Eijkelboom im Stadtmuseum Kassel. Bei diesem langjährigen Projekt des Fotografen, das Schnappschüsse von Personen mit ähnlichem Outfit gruppiert, überwiegt zwar ein dokumentarischer (regelrecht archivarischer) Aspekt, aber die Präsentation als Katalog von Typologien ist dann doch auch ein ästhetisches Vergnügen (und spaßiger Zeitvertreib, z.B. zur Identifikation von den eigenen Landsleuten anhand ihres Kleidungsstils).

torwache

Es gab also sicherlich ein paar bemerkenswerte Exponate in den Ausstellungen, aber davon abgesehen habe ich insbesondere die im öffentlichen Raum ausgestellten Arbeiten als bereichernd empfunden, die ja erfreulicherweise für jedermann in Kassel frei zugänglich waren und teilweise sogar über die Dauer des Festivals hinaus im Stadtbild erhalten bleiben werden (einem schönen Brauch folgend, man denke nur an die 7000 Eichen von Beuys). Hier ist an erster Stelle natürlich Marta Minujíns „The Parthenon of Books“ zu nennen, der als Tempelbau einerseits ikonisch den Brückenschlag zur Schwesterveranstaltung in Athen leistete, definitiv aber auch die Neugier des Besuchers zu wecken wusste und ihn in Bezug auf viele Buchtitel am Ende mit der Frage zurückließ, was das bloß für Regime sind, deren Zensur so ausufernd repressiv tätig wird. Daneben möchte ich aber auch noch die „Blutmühle“ von Antonio Vega Macotela und Olaf Holzapfels „Trassen (in der Kasseler Karlsaue)“ als gelungene Beispiele von Kunst nicht nur zum Anfassen sondern zum Klettern, in Rotation bringen, Bespielen hervorheben und nicht zuletzt die von Ibrahim Mahama wirklich imposant in Szene gesetzte Torwache, die aufgrund der Umhüllung von Gebäuden bei vielen Betrachtern wohl etwas zu vorschnell einen Christo-Vergleich provoziert. Wie auch immer man dazu und ferner zu dem von art aufgezeigten Globalisierungsverweis durch das Materials stehen mag: Hier handelt es sich ohne Frage um einen markanten Eingriff ins Stadtbild, der jeden Passanten zwangsläufig anspricht und irritiert.

art berlin

Im Gegensatz zu den bei der documenta spärlich gesäten Highlights, die zu dem Fazit nötigen, in dieser Schau sei nicht zwingend ein „bedeutendes zeitgenössisches Statement“ formuliert (so Till Briegleb in art), war ich bei der art berlin sozusagen am laufenden Meter beeindruckt. Das mag damit zusammenhängen, dass ich in diesem Fall nicht schon im Vorfeld eine abwertende Rezension zur Kenntnis genommen hatte, aber andererseits konkurrieren die diversen Galerien auf einer solchen Messe natürlich auch um zahlende Kundschaft und werden schon allein deshalb dazu tendieren, in der Hauptsache sozusagen sure shots zu präsentieren. Hinzu kommt noch, dass auf verhältnismäßig engem Raum eine enorme Vielfalt an disparaten Medien und Techniken gezeigt wird, sodass der Besucher nicht zuletzt durch einen solcherart hochgetakteten Abwechslungsreichtum bestens bei Laune gehalten wird. Außerdem – und von einer solchen Beeinflussung können sich wohl die Wenigsten wirklich freimachen – trifft man neben den ganzen Novitäten (in meinem Fall unverhofft) auch noch auf das Who is who der jüngeren Kunstgeschichte, denn auch Arbeiten von Picasso, Warhol, Lichtenstein und dem unvermeidlichen Jonathan Meese waren Teil der Ausstellung.

artberlinEs waren dann aber keineswegs die etablierten Stars, die mich besonders in den Bann gezogen haben, sondern doch für mich unbekannte Künstlerinnen und Künstler, die auch den größten Raum auf der aus der früheren abc hervorgegangenen und im Zusammenschluss mit der Art Cologne unter dem neuen Label erstmalig von der koelnmesse organisierten Ausstellung einnahmen. Ich möchte hier nur auf eine einzige Arbeit näher eingehen (aus Platzgründen und weil ich schlichtweg versäumt habe, die ganzen Namen zu dokumentieren): „Jungle Memory“ von Andreas Greiner. Diese Installation war nämlich außer auf der art berlin in leicht abgewandelter Form auch noch im Hamburger Bahnhof bei dem ebenfalls im Rahmen der Berlin Art Week veranstalteten Festival of Future Nows zu sehen, einer ebenfalls vielseitigen und übrigens frei zugänglichen Schau, die insgesamt von Teilhabe und Happening geprägt war. Zuerst habe ich diese Arbeit jedoch im Rahmen der Messe wahrgenommen und offen gestanden sogar zunächst nur einen Teil davon. Frei im Raum surrte da nämlich plötzlich eine Drohne, per Verkabelung am Boden gehalten und so konstant auf Augenhöhe schwebend, in unmittelbarer Nähe zu den Besuchern. Auge in Auge und quasi auf Tuchfühlung mit der Maschine, die als Symbol für den Status quo von Technisierung im Alltag gelesen werden kann, wurde in mir sofort ein Spannungsbogen vom potenziellen Spielzeug über das Instrument zur Überwachung bis hin zu entmenschlichter Kriegsführung evoziert, was ich in sich schon als bestechendes Stück Kunst anerkannt hätte – oder vielmehr: habe. Erst im nächsten Schritt habe ich nämlich gesehen, dass zu der Installation noch ein Bildschirm gehörte, auf dem in kurzen Intervallen wechselnd jeweils eine aktuelle Aufnahme der Drohne optisch verfremdet angezeigt wurde. Zur Verfremdung wird dabei ein anscheinend im Umfeld von Google entwickelter Morphing-Filter eingesetzt, der klar konturierte Bereiche im Bild (z.B. die Köpfe der im Sichtfeld der Drohne befindlichen Personen) durch selbstidentische Muster ersetzt, die an Tierfell erinnern und echte Augen aufweisen. Die so produzierten Bilder entbehren nicht einer gewissen Faszination (und sind ihrerseits anschlussfähig an laufende Technologiedebatten wie z.B. über die Fluidität digitaler Inszenierungsformen), aber ich habe es tatsächlich doch als Verlust empfunden, dass die Drohne somit doch nicht schlichtweg für sich stand (auf dem Festival of Future Nows war sie vermutlich aus Sicherheitsgründen übrigens in einem transparenten Kubus untergebracht und damit deutlich auf Abstand gesetzt, sodass die Wirkung dort von vornherein eine ganz andere sein musste).

Überhaupt ist mir sowohl auf der Messe als auch dem Festival ein gewisser Trend zu elektrifizierter Kunst aufgefallen: Licht- und Klanginstallationen oder motorisierte Arbeiten scheinen zu einem repräsentativen Querschnitt der zeitgenössischen Kunstproduktion offenbar dazuzugehören (auch bei der documenta waren solche Arbeiten vertreten). Ansonsten möchte ich mir noch den Hinweis erlauben, dass bei einer solchen Messe (natürlich?) ein Publikum anzutreffen ist, das aufgrund seiner oftmals offensiv zur Schau gestellten Exzentrik selbst als Exponat im Auge zu behalten sich lohnt. So tummelte sich etwa auch das Gesamtkunstwerk EVA & ADELE unter den Besuchern, um nur das allerschrillste Beispiel zu nennen.

URBAN NATION

Ebenfalls im Rahmen der Berlin Art Week wurde in Schöneberg das URBAN NATION Museum for Urban Contemporary Art neu eröffnet. „Das Museum, das es gar nicht geben dürfte“, verkündet der zugehörige Claim und kokettiert so mit dem Paradox, das sich ergibt, solange man „Urban Art“ als zumindest teilweise gleichbedeutend mit Street-Art versteht. Letztere zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie als künstlerische Erfahrung unvermittelt im öffentlichen Raum in das Alltags(un)bewusstsein einbricht und ausdrücklich nicht institutionalisiert im White Cube ästhetisch Staub ansetzt. Eine Antwort auf die Frage, ob und wie die Klassifizierung ggf. zu trennen wäre, bleibt die Ausstellung letztlich schuldig, aber sie bietet definitiv eine sehenswerte und wiederum in Medium und Form vielgestaltige Sammlung, die nun für die Dauer eines halben Jahres bei freiem Eintritt besichtigt werden kann, bevor sie durch eine neue Ausstellung abgelöst wird.

mona_simpsonNicht einmal über die Frage, was „Urban Art“ nun eigentlich definiert, findet man sich nach dem Besuch hinreichend aufgeklärt, aber das kann ja auch als Anreiz gemeint sein, sich selbständig weitergehend mit diesem Gattungsbegriff auseinanderzusetzen. Es erscheint jedenfalls nicht selbstverständlich, hier auch weitgehend konventionell gehaltene (Porträt-)Gemälde zu subsumieren – zumindest solange diese nicht einmal Attribute von Urbanität, z.B. Graffiti im Hintergrund, enthalten ‒, aber auch solche Arbeiten finden sich in der Ausstellung. Worüber man aber gleich nach dem Eintreten informiert wird ist die Überschneidung mit Pop(kultur): Neben dem Eingang befindet sich eine entsprechende Infotafel, und auch in den weiteren Räumen werden relevante Schlüsselbegriffe aus der Kunstgeschichte erklärt, mit denen der Besucher thematisch geführt wird. Die Bedeutung von Pop als verbindendem Element zwischen den unterschiedlichen Arbeiten ist auch schnell sinnfällig: Viele Exponate verweisen in Stil oder Motivik auf Comics, Tätowierungen oder Videospiele etc. oder integrieren Ikonen der (westlichen) Alltagskultur wie z.B. Lego-Männchen oder – natürlich – das iPhone in einem Stillleben. Was darüber hinaus als Merkmal auffällt ist eine Tendenz zu kräftigen, poppigen (Neon-)Farben ebenso wie zu Komik (das vielleicht beste Beispiel, was beide Charakteristika in sich trägt: das Mash-up „Mona Simpson“ von Nick Walker).

Was man sich bei seinem Besuch in dem Museum übrigens nicht entgehen lassen sollte ist ein Abstecher in der Toilette, denn hier haben sich die Organisatoren als zusätzliches Gimmick eine amüsante Spielerei mit dem Konzept vom White Cube erlaubt: In an der ursprünglich wohl weißen Wand montierten Bechern wurden schwarze Filzstifte gereicht, die den Besucher ausdrücklich auffordern, sich selbst künstlerisch auszuprobieren – potenziert noch durch eine verspiegelte Fläche gegenüber, die die zur Gestaltung freigegebene Fläche beim Öffnen der Tür in den Ausstellungsraum projiziert. Über die Qualität der hier gewucherten Kritzeleien kann man vielleicht genauso streiten wie darüber, ob das Konzept des Museums aufgeht oder der zugrundeliegenden Kunstform nicht doch in einem Projekt wie THEHAUS angemessener Rechnung getragen wird, wo die Räumlichkeiten eines ehemaligen Bürogebäudes von (Straßen-)Künstlern halluzinierend kreativ umgestaltet wurden und nur für eine begrenzte Zeit bis zum Abriss des Gebäudes besichtigt werden konnten. Andererseits ist aber gegen die Konservierung von Dingen, die schön sind, überhaupt gar nichts einzuwenden, und das URBAN ART in diesem Sinne auf jeden Fall eine Bereicherung für die Berliner Museumslandschaft.

urbannation

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L’on y danse, l’on y danse

Ist der Castorf aus dem Haus, tanzt die Meute auf dem Tempelhofer Feld

Am gestrigen Sonntag startete die Volksbühne Berlin in die neue Saison, und zur Eröffnung wurde auf dem Flugvorfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof ein Tanzfestival veranstaltet, unter dem Titel „Fous de danse – Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“. Aufgrund der politisch erzwungenen Ablösung des Kultintendanten Frank Castorf, der das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz 25 Jahre lang geführt hatte, durch den theaterfremden Chris Dercon und dessen Neuausrichtung des Programms, die von Kritikern als Verrat an der Identität der Volksbühne aufgefasst wird, war zuletzt eine Welle der Empörung durch das Stammpublikum und die Berliner Kulturszene insgesamt gegangen (ich hatte das Thema in einem früheren Artikel bereits angerissen), sodass nun auch diese Eröffnungsveranstaltung noch unter besonders kritischer Beobachtung steht.

Ganz Berlin ist dann doch nicht gekommen, aber eine Menge von gut tausend Besuchern war zwischen 14 und 18 Uhr zur Spitze bestimmt anwesend (Fluktuation durch stetiges Kommen und Gehen nicht mitgerechnet) – und darunter wohl auch der ein oder andere Kritiker, denn einen „Das ist nicht die Volksbühne!“-Ruf konnte ich zumindest aufschnappen. Nichtsdestotrotz war die Stimmung insgesamt fröhlich (sicherlich begünstigt durch das in diesem Jahr ja nicht selbstverständliche spätsommerlich-freundliche Wetter), und das Publikum folgte aufgeschlossen und neugierig, bisweilen schmunzelnd den unterschiedlichen Darbietungen. Mittendrin übrigens auch der neue Chef selbst, volksnah in Cargohose und bereitwillig für Fotos posierend sowie für jedermann ansprechbar.

Volksnah bis volkstümlich dann auch das Programm, durchaus aber mit Ausflügen in die Gefilde avancierterer Hochkultur: Der Bogen reicht vom puristischen Minimalismus einer Lucinda Childs über den türkischen Volkstanz Zeybek bis hin zu HipHop und Breakdance. Bei dem folkloristischen Formationstanz hätte ich persönlich mir vielleicht schon ein bisschen mehr ästhetische Strenge gewünscht (in Form von Trachten oder ähnlich uniformierter Kostümierung), andererseits trägt die legere Straßenkleidung, in der die Tänzer den Zeybek aufführen, natürlich zu dem insgesamt zwanglosen Charakter einer Veranstaltung für alle bei. Dieser Aspekt steht insbesondere auch beim „Giant Soul Train“ im Mittelpunkt – für mich persönlich der Höhepunkt des Programms: Vor einer Bühne wird ein Korridor von ca. drei Meter Breite markiert, auf dem sich nun für die Dauer einer Stunde jeder, der sich berufen fühlt (und es fühlt sich eine ganze Menge wieder und wieder berufen), zu den Klängen von DJ Freshhh selber tänzerisch produzieren kann. Ein funky Schaulaufen und -tanzen vor einem Publikum, das am Rand des abgesteckten „Laufstegs“ mitgroovt, bei dem eine solche Energie entsteht, dass der Funke nach meinem Eindruck auf die gesamte Menge überspringt und selbst Besucher im Rentenalter noch gehörig die Hüften schwingen.

Mindestens hier wurde also im emphatischen Sinne dem Volk eine Bühne geboten, und der von Dercon in einem Interview formulierte Anspruch, man wolle mit dem Eröffnungsfest „Gemeinschaft zelebrieren“, kann wohl eindeutig als Erfolg verbucht werden. Ansonsten bin übrigens auch ich jemand, der die Volksbühne entschieden mochte, wie sie unter Castorf war, und der dem neuen Programm entsprechend noch etwas abwartend gegenübersteht. Abwarten ist aber etwas anderes als der neuen Führung von vornherein mit Feindschaft zu begegnen. Für eine Haltung, die das Neue rundheraus ablehnt, weil es nicht das Alte ist, gibt es jedenfalls einen Ausdruck, und der sollte besonders dem Volksbühnenpublikum dem eigenen Verständnis nach eigentlich nicht gut zu Gesichte stehen: konservativ. Chris Dercon mag also sicherlich gewissermaßen „auf Bewährung“ sein, aber die sollte doch wohl mindestens erst mal eine Spielzeit lang währen, ohne dass gleich eine Vorverurteilung stattfindet. Castorf-Fans müssen jetzt ja nur einfach zum BE wechseln, und nächsten Sommer wissen wir dann alle mehr.

Bis einer heult

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

„Wie häufig kommt es vor, dass ein Roman so tief aufwühlt, dass man beim Lesen weinen muss, und dabei so erhellend und erhebend von menschlicher Güte spricht, dass man sich zugleich von Gnade erfüllt fühlt? […]“

Ein Zitat wie dieses aus dem San Francisco Chronicle als Klappentext macht mich in der Regel eher skeptisch, als dass es mich wohlwollend zu einem Roman greifen lässt – zumal sich dieser pathetische Gestus auch durch die weiteren aufgeführten O-Töne genauso fortsetzt. Abgeschreckt hat mich dieses Marketing dann letztlich aber auch nicht, und neugierig u.a. durch die Besprechung in der ZEIT habe ich mich also an die Lektüre des Romans „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara gemacht, bei dem es sich um einen massiv beworbenen Hit des literarischen Frühjahrs und mittlerweile Bestseller handelt (so jedenfalls die Rubrizierung der öffentlichen Bibliotheken Berlins).

Und es stimmt. Die Geschichte der vier Freunde (in der Reihenfolge ihres Erscheinens) Willem, Jude, JB und Malcolm, die hier buchstäblich in epischer Breite (über 950 Seiten) entfaltet wird, entwickelt sich tatsächlich zu einer solchen emotionalen Achterbahnfahrt, dass auch ich beim Lesen ein- oder zweimal (im Jargon meiner Heimat) „Pipi inne Augen“ hatte. Anders als in der Inhaltsangabe auf dem Klappentext angegeben handelt der Roman aber nicht unbedingt „von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern“. Jedenfalls nicht lebenslang im Sinne einer Sandkastenfreundschaft, denn die vier lernen sich erst auf dem College kennen, und genau daraus erwächst auch die Spannung der Erzählung: Wie sich nach und nach herausstellt, verbirgt Jude hinter sich eine Vergangenheit, die so entsetzlich ist, dass er selbst gegenüber seinen engsten Vertrauten damit bis zum Ende nicht ganz herausrückt. Und andererseits ist der Roman so sehr auf Jude fokussiert, dass es hauptsächlich um seine Entwicklung und die sich wandelnden Beziehungen zu seinem Umfeld geht, und dabei nimmt JB eine ambivalente und Malcolm eine doch weitgehend zu vernachlässigende Rolle ein, sodass es letztlich die von vornherein besonders innige und sich doch ebenfalls auf unvorhersehbare Weise wandelnde Freundschaft zwischen Jude und Willem ist, die im Zentrum der Handlung steht.

Was man im Laufe der Lektüre von Judes Hintergrund erfährt, ist wie gesagt so entsetzlich, dass es einem schlichtweg die Sprache verschlägt und tatsächlich stellenweise die Tränen in die Augen treiben kann. Der Leser taucht hier in das Seelenleben einer Figur ein, der nichts Unmenschliches fremd ist: Jude macht im Laufe seines Lebens eine nicht abreißende Serie von Grausamkeit und Misshandlungen durch, die jedes überhaupt zu Empathie fähige Gemüt gehörig jammern und schaudern lässt. Zwangsläufig verschanzt er sich in einem Panzer aus Selbsthass, für den die Misshandlung der eigenen Person etwas so Selbstverständliches ist, dass er Gewalt als die sozusagen natürliche und einzig plausible Form des Verhaltens ihm gegenüber empfindet und mit ihm entgegengebrachter Freundlichkeit und Zuneigung gar nicht mehr umgehen sondern solche Erlebnisse nur noch als zeitweilige Fehltritte und irritierende Störung der vermeintlichen Ordnung wahrnehmen kann. Dieses so bemitleidenswert verzerrte Selbstbild ist dabei derartig plastisch erzählt, dass es gewaltig an die Nieren geht und dem Leser einiges abverlangt. Mein Titel „Bis einer heult“ ist in diesem Sinne gar nicht so sehr auf Jude bezogen, dessen Trauma so verstockt ist, dass es sich nur noch in den seltensten Momenten in Tränen entladen kann, als vielmehr auf den Rezipienten, der durch die Schilderung selbst in Mitleidenschaft gezogen werden kann (wenngleich meine spontane Assoziation zu dem Porträt auf dem Cover „Heulsuse“ war – was neben dem Klappentext meine anfängliche Skepsis dem Roman gegenüber mitbegründet hat – und man die abgebildete Person im Laufe der Lektüre mit Jude identifizieren muss).

So viel zur ersten Hälfte des Romans. Ab der Mitte des Buches wird es dann für meine Begriffe alles ein bisschen viel. Man mag es als narrative Strategie von Yanagihara ansehen, den Leser – nachdem sie ihn in den Abgrund einer gebrochenen Seele hinabgezogen hat – über hunderte von Seiten nicht mehr aus dem Elend auftauchen zu lassen, um die Schwere der Traumatisierung zu vermitteln, aber der Roman tritt damit gewissermaßen auf der Stelle. Wieder und wieder wird noch eine Schüppe draufgelegt, aber angesichts der Perpetuierung des Leidens erschöpft sich das Mitleid doch irgendwann und bekommt etwas Enervierendes (das unsägliche, weil unzählig wiederholte und meist pathologisch deplatzierte „Es tut mir leid“ von Jude). Hier wäre meiner Ansicht nach weniger mehr gewesen, um das Risiko zu minimieren, dass Leser aussteigen, weil sie es schlichtweg nicht mehr aushalten. Vielleicht gehört es aber zum Programm, dass der Leser sich durch den Roman gleichsam selbst kasteien muss, um zu einem gewissen Grad selbst zu Jude zu werden (eine Sphäre (katholischer) Religiosität ist der Erzählung allein schon durch die Namen „Jude St. Francis“ und „Jean-Baptiste“ unverkennbar mitgegeben und könnte eine systematische Analyse verdienen).

Von dem Manko einer gewissen Langatmigkeit abgesehen handelt es sich bei „Ein wenig Leben“ aber ohne Frage um ein außergewöhnliches Buch, das das frenetische Lob seiner Kommentatoren rechtfertigt. Auch ich kann mich dem eingangs zitierten Urteil anschließen, dass ich mich selten von einem Roman in vergleichbarer Intensität gepackt gefühlt habe wie in diesem Fall. Yanagihara rollt die Geschichte geschickt analytisch auf, sodass der Leser mit der Frage nach den Ereignissen in Judes Kindheit und Jugend, die nach und nach aufgedeckt werden, gespannt bei der Stange gehalten wird, und erzählt in einem unaufdringlichen Stil, der das Versinken in der Fiktion begünstigt und doch behutsam akzentuiert zu poetisch schönen Bildern aufsteigt. Als einzige Besonderheit lässt sich eine wiederkehrende perspektivische Unbestimmtheit in der personalen Erzählsituation nach Abschnitts- oder Kapitelwechseln beobachten. Mehrfach beginnt ein neuer Abschnitt mit der Perspektive eines unbestimmten „Er“, bei der zunächst unklar bleibt, aus wessen Blickwinkel gerade erzählt wird (besonders anschaulich am Anfang von Teil 1 im letzten Kapitel – hier sogar in Form einer direkten (Brief-)Rede in der ersten und zweiten Person: „Am zweiten Jahrestag Deines Todes fuhren wir nach Rom. Das war Zufall und dann auch wieder nicht: Er wusste und wir wussten, dass er aus der Stadt hinaus-, dass er möglichst weit weg von New York State sein musste.“). Hier muss sich der Leser aus dem, wie und über wen gesprochen wird, selbst erschließen, wessen Stimme er gerade vernimmt, bevor der Name genannt wird. Dieses Mittel erzählerischer Informationsverknappung setzt beim Leser ein gewisses Engagement voraus, sich spontan selbst innerhalb der Figuren zu verorten, und trägt so zu einem Teil dazu bei, diesen in die Geschichte hineinzuziehen, und baut mit an der immersiven Illusionsbildung bzw. der atmosphärischen Dichte des Romans.

Fazit: Sicherlich keine leichte Strandlektüre aber dem anspruchsvolleren Leser angesichts der bislang vorherrschenden Schwundstufe von Sommer schon jetzt, spätestens aber im Herbst zur Lektüre wärmstens empfohlen.

Discord im Orient-Express

The Darjeeling Limited von Wes Anderson

Obwohl die Protagonisten praktisch zu keinem Zeitpunkt auf einer Straße gezeigt werden, haben wir es bei Wes Andersons Film The Darjeeling Limited (2007) natürlich nichtsdestotrotz mit einem Roadmovie zu tun: Anstelle des Individualfortbewegungsmittels Pkw ist lediglich ein Fernreisezug getreten (railroad statt Landstraße), und dass die Reise ostentativ metaphorisch für das Leben als ganzes steht, wird ziemlich schnell ersichtlich. Drei Brüder kommen hier zusammen, die nach der Beerdigung ihres Vaters schon ein Jahr lang keinen Kontakt mehr miteinander hatten, um sich auf eine „spirituelle Reise“ zu begeben (in Indien, wo sonst), die offenbar zum Teil auch als systematische Form von Trauerarbeit gedacht ist, die wieder zu engerem familiären Zusammenhalt führen soll. Das scheint jedenfalls der Plan von Francis, dem vermutlich ältesten Bruder zu sein, der sich wie selbstverständlich als Organisator aufspielt und zudem ohne das Wissen seiner Brüder einen Besuch bei ihrer Mutter, die in einem Kloster im Himalaja lebt und zu der die Beziehung der Söhne anscheinend auch eher angespannt ist, als eigentliches Ziel der Reise ausgeheckt hat.

Da jedoch offenbar keiner der Brüder wirklich zu Kontemplation und spritueller Erfahrung aufgelegt, sondern jeder auf seine Art in eher egozentrischen Komplexen verstrickt ist, bleibt der gelegentliche Tempelbesuch bloße Pose zwischen Shopping und Schuhpolitur. Die kulturelle Alteritätserfahrung führt nicht wie angestrebt zum Überdenken des eigenen Lebensentwurfs sondern verharrt in der herabschauenden Perspektive des imperialistischen Patrons („they are playing cricket with a tennis ball“ – übrigens auch bildsprachlich als Herabschauen von einer Anhöhe formuliert). Die Differenzen zwischen den Brüdern (Bevormundung durch Francis, gegenseitige Geheimniskrämerei bis hin zu Vertrauensbrüchen etc.) gepaart mit grundsätzlich rücksichtslosem Auftreten eskalieren letztlich so weit, dass das Gespann sogar des Zuges verwiesen wird und die Reise komplett abbrechen möchte. Besonders schön veranschaulicht das Scheitern des Projektes einer spirituellen Wiedervereinigung der Geschwister die Szene, in der die Brüder auf Geheiß von Francis auf einem Hügel neben dem liegengebliebenen Zug ein Ritual mit Pfauenfedern (bedeutungsschwanger initiiert durch die Aussage von Francis’ Handlanger „we haven’t located us yet“) durchführen sollen: Am Ende hat jeder etwas anderes mit der Feder angestellt, weil Peter und Jack die Anleitung des Gurus natürlich nicht gelesen hatten.

Nach dem Rauswurf aus dem Zug tritt dort im provinziellen Hinterland dann aber schließlich doch ein Umdenken ein, ausgelöst durch den tragischen Unfalltod eines Jungen, den die Brüder noch vor dem Ertrinken zu retten versucht hatten. Die Teilnahme an der Bestattung des verunglückten Kindes (einschließlich der aus westlicher Perspektive ‚fremden‘ Zeremonie: Man trägt weiß, und der Leichnam wird am Ufer eines Flusses verbrannt) schafft ein Innehalten, bei dem die Whitmans dann doch so weit zu sich kommen und den Todesfall des Vaters ein Stück weit aufarbeiten können (der Film schneidet hier eine signifikant chaotische Szene aus dem Umfeld der damaligen Trauerfeier als Rückblende gegen), dass sie nach diesem Vorfall kurzerhand beschließen, die Reise wie geplant fortzuführen und insbesondere auch der Mutter noch einen Besuch abzustatten. Wenngleich es dann am Ende doch nicht zu einer endgültigen Versöhnung (im buchstäblichen Sinne) zu kommen scheint, hat man wohl doch einen Schritt auf einander zu geschafft und einen Reifeprozess in die konsensuell richtige Richtung eingeleitet.

Der Film bietet eine stimmungsvolle Mischung, bei der neben herrlich skurriler Situationskomik auch schwermütige, tragische Töne nicht ausgespart werden – typisch für Wes Anderson. Die Kamera zitiert mit bisweilen hektischen Schwenks und Zooms die Ästhetik des Eastern, ohne den ebenfalls andersontypischen Puppenkisten-Look (auf die Spitze getrieben in The Grand Budapest Hotel) ganz auszulassen (in The Darjeeling Limited gibt es in dieser Hinsicht eine Kamerafahrt oder vielmehr: eine Zugfahrt vorbei an der Kamera, in der verschiedene, in der (fiktiven) Realität weit voneinander getrennte Räume – so z.B. Jacks Exfreundin sowie Peters schwangere Frau – als benachbarte Abteile desselben Zuges gezeigt werden, wodurch noch einmal plakativ die Metapher von der Reise des Lebens aufgegriffen wird). Zu der atmosphärischen Fülle des Films trägt nicht zuletzt der mit viel Liebe zum Detail ausgewählte Soundtrack bei, der die Bilder mit einer Spanne vom Chanson bis zu den Rolling Stones stimmig untermalt – der Geruch nach Gewürzen der bereisten Region kann freilich nur auf der verbalen Ebene aufgerufen werden. Nach mehrfachem Wiederansehen für mich einer meiner absoluten Lieblingsfilme.

1.503

Hit the Road, Jack: Jetzt erst recht

Eines der Dinge, für die wir Deutschen bekannt sind, ist, dass wir unseren Sommerurlaub selbstverständlich schon ein Jahr im Voraus nicht nur geplant sondern auch gebucht haben. Tatsächlich habe ich selbst das bis dato zwar noch nie so gehandhabt, bin also in dieser Hinsicht anscheinend nicht ganz so „typisch deutsch“, aber auch ich würde in der Regel dazu tendieren, Urlaub mit rund einem halben Jahr Vorlauf zu planen. Durch eine mehr oder weniger glückliche Fügung unverhofft vor eine große Menge Freizeit gestellt, ergab sich für mich jüngst aber die gleichzeitig mehr oder weniger zwingende Gelegenheit, höchst spontan eine Reise zu organisieren – nämlich mit weniger als einem Monat Vorlauf.

Nun ist natürlich noch nicht Sommer, also noch Nebensaison, was das kurzfristige Auffinden von Unterkünften erleichtert, und außerdem hält das Internet mittlerweile sowieso vielfältige Möglichkeiten bereit, beinahe überall auch spontan noch einen Schlafplatz aufzutreiben (Stichwort „Couchsurfing“). Ich musste dann auch gar nicht lang in mich gehen, um einen groben Plan zu entwerfen, der danach zügig konkreter wurde und bald verbindliche Buchungen nach sich zog. An die Ostsee sollte es endlich mal wieder gehen – nicht nur weil ich da seit bald zwanzig Jahren nicht mehr gewesen bin, sondern auch weil das von Berlin aus gesehen im weitesten Sinne „vor der Haustür“ liegt und sich mir seit nunmehr gut vier Jahren in der Hauptstadt Ansässigem auch aus diesem Grund schon eine Zeit lang verstärkt angeboten hatte. Gleichzeitig – und gleichermaßen durch räumliche Nähe nahegelegt – wollte ich aber auch Leipzig mal einen ausführlicheren Besuch abstatten als es die Teilnahme an der Buchmesse bisher zugelassen hat. Nun liegen diese beiden Ziele von Berlin aus offensichtlich in entgegengesetzten Richtungen, aber da ich außerdem noch Lust auf ausgiebiges Autofahren hatte, dachte ich mir, da lassen sich doch zwei (und sogar noch viel mehr) Fliegen mit einer Klappe schlagen! Warum nicht mal eine Woche lang mich nun zwar nicht gerade einfach treiben lassen, aber doch sozusagen Stippvisiten in Orten, wo ich noch nie (bewusst) gewesen bin, verbinden mit dem meditativen Effekt von Mittelstreckefahrten, bei denen gleichzeitig noch deutsches Hinterland aus dem Auto er-fahren werden kann?

Diese Idee hatte etwas so unmittelbar Bestechendes für mich, dass ich mich nur noch an die Planung einer genaueren Route zu machen brauchte. Aufgrund einer Verabredung war die Ostsee (genauer: Stralsund) erst für die zweite Wochenhälfte und mit zwei Übernachtungen sozusagen als einziger Ruhepol angepeilt. Es bot sich also an, zuerst nach Leipzig zu fahren und mich von dort in einem weiten Bogen zur Küste vorzuarbeiten. Weil das ein weiteres privates Treffen ermöglichte, sollte das nächste Ziel nach Leipzig Bremen werden – was wiederum einen Zwischenstopp in Braunschweig nahelegte, weil das ziemlich genau auf der Hälfte der Strecke liegt und sich damit außerdem als Faustregel einhalten ließ, nie länger als zwei Stunden am Stück hinterm Steuer zu verbringen (durch die mir dann allerdings der Urlaubsverkehr vor einem verlängerten Wochenende auf der A1 im Raum Hamburg noch einen gewaltigen Strich machen sollte). Zwischen Bremen und Stralsund bot sich dann Lübeck als nächste Station an, und zur Abrundung vor der Heimkehr in die Metropole wollte ich zum Abschluss noch eine Nacht in der legendären Uckermark verbringen.

Der Plan ist dann auch bestens aufgegangen. Abgesehen von dem bereits angedeuteten Stauproblem bei Hamburg (dadurch ist die Fahrtzeit für die Strecke Bremen–Lübeck auf gute dreieinhalb Stunden angewachsen, und „Fahrt“ ist dabei eigentlich ein Euphemismus) ließen sich die anvisierten Etappen planmäßig einhalten, wodurch sich wie von mir angepeilt ein gutes Verhältnis von Roadtrip und Städtetrips ergab – gewürzt noch mit einer Prise Strandurlaub auf Rügen. Für jemanden, der im Alltag ein Auto benutzt, mag das nichts Besonderes mehr sein, aber für mich, der in Berlin hauptsächlich mit S- und U-Bahn oder auf dem Fahrrad unterwegs ist und auch Carsharing meist nur pragmatisch für kurze innerstädtische Verbindungen von A nach B nutzt, stellte sich doch ein beachtliches Gefühl von Freiheit ein dadurch, dass ich jetzt eine Woche lang völlig flexibel losfahren konnte, wann, und anhalten, wann und wo ich wollte. Gleichzeitig brachten dieser Ablauf und die ungewohnte körperliche Beanspruchung durch die Kombination von täglichen längeren Autofahrten mit ausgiebigen Fußmärschen bei den Städtebesichtigungen (gerade bei einem kurzen Aufenthalt möchte man ja möglichst viel sehen) aber natürlich auch etwas Anstrengendes mit sich. Schon ab dem zweiten Tag machten sich ein Muskelkater in den Beinen sowie eine gewisse Grundmüdigkeit bemerkbar, die noch bis über das Ende der Reise hinaus treue Begleiter bleiben sollten, unverhofft aber auch einen ganz praktischen Nutzen zeitigten: Während man sich auf Reisen ja meist erst an den fremden Schlafplatz gewöhnen muss, bevor man gut schlafen kann – und mich erwartete auf meiner Reise ja sogar jede Nacht wieder ein neues fremdes Bett ‒, hatte sich dieses Problem für mich ab der zweiten Nacht erledigt, und ich schlief vor Erschöpfung immer schnell ein.

Über die auf meiner Route besichtigten Städte will ich gar nicht viele Worte verlieren – es handelt sich da ja um einschlägige Reiseziele, deren touristischer Stellenwert bestens dokumentiert ist. Ohne dass ich es darauf abgesehen hätte, bemerkte ich erst unterwegs übrigens noch einen verbindenden roten Faden, der sich im Grunde schon einfach durch die Küstennähe ergibt: Und zwar war ich ab Bremen erst mal nur noch in Hansestädten und damit spätestens ab Lübeck ferner auf der Europäischen Route der Backsteingotik unterwegs. Einige Impressionen in Form von Fotos habe ich auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht.

Lediglich zwei für mich als (ursprünglich westdeutschen) Großstädter besondere Eindrücke möchte ich abschließend noch hervorheben. Der erste betrifft das aufgrund der programmatisch atheistischen DDR-Geschichte möglicherweise in Ostdeutschland geläufigere Phänomen der „Kulturkirche“ (wobei mir das zuvor auch in Lübeck, dort aber nur am Rande, schon begegnet war). St. Jakobi in Stralsund wurde jedenfalls schon im Arbeiter-und-Bauern-Staat als Lager für Baustoffe säkularisiert zweckentfremdet und beherbergt als Kulturkirche aktuell eine Ausstellung des Künstlers Moritz Götze. Ich war mir dessen beim Betreten der Kirche nicht bewusst und dementsprechend positiv überrascht, als ich im Innern anstelle des erwarteten üblichen Kircheninventars eine ziemlich coole Ausstellung von Arbeiten dieses deutschen Pop-Art-Künstlers vorfand (die sich übrigens teilweise motivisch oder auch durch ihre Form (z.B. als Triptychon) gewissermaßen harmonisch in den vormals sakralen Ort einfügen).

Der zweite besondere Eindruck war die Uckermark. Ich hatte mich ja zum Abschluss meiner Reise ganz bewusst für eine Übernachtung auf dem Land (übrigens sogar in einem Bauwagen) als Kontrast zur Metropole Berlin entschieden, und genau das habe ich auch bekommen – allerdings in einem Ausmaß, das mir nicht klar gewesen war bzw. das ich wahrscheinlich vorher noch nie so erlebt hatte. Mehr Land geht nicht als dort bei Gut Neuensund, wo mein Bauwagen stand, und ringsum nichts als Felder und Wiesen, soweit das Auge reicht, und ab und zu ein Weiler. Das hat natürlich auch eine Kehrseite (ich bin so übel von Mücken zerstochen worden wie seit Jahren nicht), aber die Erfahrung, am Sonntag Morgen mal eben nackt in einen Badesee springen zu können, weil da gerade niemand sonst ist (und selbst wenn würde man sich an Nacktheit nicht sonderlich stoßen), oder am Abend nichts anderes zu tun als zu beobachten, wie die Dämmerung sich über das Land schiebt, während Fledermäuse über dem Hof flattern (zweimal ist mir eine fast ins Gesicht geflogen), ist einfach ziemlich überwältigend. Mein Vermieter erzählte mir, dass die Einheimischen den Kopf schütteln darüber, dass er dort jetzt auch einen Bauwagen inseriert zum Übernachten, aber für den gemeinen gehetzten Großstädter ist das natürlich Ruralromantik in Reinform und quasi eine Form von Luxus, weil es so etwas zuhause einfach nicht gibt. Ich bin da jedenfalls ins Grübeln gekommen, ob ich spontan verlängern sollte, um das Landleben noch einen Tag länger auszukosten.

schmiedegrund

 

1.503 km hatte ich am Ende auf dem Tacho, aber gar nicht so sehr das Gefühl, gerne schon wieder nachhause zu kommen. Dieses Prinzip, jeden Tag weiterzukommen und schon wieder einen neuen Ort zu erkunden, übt eine große Faszination aus, und ich war da schon so auf den Geschmack gekommen, dass ich mir gut hätte vorstellen können, das mindestens noch eine Woche weiter so zu treiben. Aus Budgetgründen habe ich mich dann aber vorerst doch dagegen entschieden, aber nach dieser Erfahrung gehe ich davon aus, dass ich mich bestimmt auch in Zukunft noch mal für einen solchen Roadtrip werde begeistern können.

Schöner. Schneller. Weiter.

The Neon Demon von Nicolas Winding Refn

„Denn das Schöne ist nichts/als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,/und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,/uns zu zerstören.“ Obwohl diese bekannten Verse aus Rilkes erster Duineser Elegie auf Engel gemünzt sind, würden sie ein ideales Motto zu Nicolas Winding Refns letztem Film „The Neon Demon“ abgeben – und zwischen Engeln und Dämonen sind die Übergänge, mit Luzifer als dem prominentesten Beispiel, ja ohnehin fließend. Einen „Horrorfilm über Schönheit“ – so Refn in einem Interview, das als Bonusmaterial auf der DVD enthalten ist – habe er hier abliefern wollen, und zweifellos fügt der dänische Regisseur seinem Werkverzeichnis damit einen weiteren verstörenden, atmosphärisch dichten Film hinzu.

Eine Handlung im engen dramaturgischen Sinne ist kaum vorhanden, und der Film rückt damit in die Nähe des zum Fin de siècle verbreiteten lyrischen Dramas. Anstelle von Handlungsfluss begegnet eher eine Abfolge von Szenen, die sowohl durch eine gewisse dramaturgische Isoliertheit aufgrund undefinierter Zeitsprünge als auch durch ihre Tendenz zu interner Statik vielleicht noch treffender als „Bilder“ zu bezeichnen wären. Die jugendliche Jesse kommt nach L. A., um dort eine Modelkarriere zu beginnen, bei der sie schnell außerordentlich erfolgreich durchstartet. Mit ihrer makellosen Schönheit gewinnt sie nicht nur mühelos Aufträge sondern weckt auch das sexuelle Begehren – nicht nur von Männern. Sehr bald zieht sie dadurch aber auch den Neid ihrer Kolleginnen auf sich, die sich zunächst als Freundinnen angeboten hatten, sich aber in der Folge doch als in der Hauptsache Konkurrentinnen erweisen und ihr schließlich auflauern, um sie in jeder Hinsicht zu Fall zu bringen. Darauf folgt noch eine Szene, die in aller Drastik vor Augen führt, wie sich vermeintliche Freundinnen in dieser Branche bisweilen zerfleischen – nicht nur gegenseitig, sondern auch sich selbst ‒, und als Schlussbild noch eine anonyme Frau in einer Wüstenlandschaft.

Wer ist hier nun der „Neon Demon“? Jesse für sich genommen wohl nicht, denn sie wird ausdrücklich als Unschuld vom Lande eingeführt und verfolgt auch keinerlei böse Absichten sondern wird vielmehr selbst in mehrfacher Hinsicht zum Opfer (u.a. von einem Puma, der in ihr Appartement eindringt und einen Teil der Einrichtung zerstört, sowie von ihrem Vermieter, der sie für den entstandenen Schaden haftbar machen möchte und später noch als potenzieller Vergewaltiger auftritt). Als Logo auf dem Filmplakat sieht man ein gleichseitiges Dreieck, das aus vier identischen gleichseitigen Dreiecken zusammengesetzt ist. Refn erklärt dazu, dass man sich bewusst für das auf der Spitze stehende Dreieck als Symbol für Weiblichkeit entschieden habe. Die selbstidentische Form aus vier Dreiecken bildet somit auch die Figurenkonstellation ab: Jesse inmitten ihrer drei Kolleginnen. Das Dämonische entsteht also erst in der Dynamik zwischen diesen vier Frauen, die in einer Branche arbeiten, die sich ganz um Schönheit dreht und in der die Halbwertszeit der meisten Beteiligten eher kurz ist, da für die immer schneller erlahmende Aufmerksamkeit des Publikums ständig etwas Neues und sowieso immer Jugendliches (gr. „νέον“) präsentiert werden muss.

Mit Blick auf meinen letzten Beitrag kann auch hierin wieder eine Kritik an einer Gesellschaft gesehen werden, die in ihrer Mainstream-Kultur weitgehend einem oberflächlichen Schönheitskult und Jugendwahn verfallen und dadurch massiv verunsichert ist. Es gibt also gewisse Berührungspunkte zwischen „The Neon Demon“ und dem Film „Embrace“, mit dem Taryn Brumfitt und Nora Tschirner aktuell versuchen, dem massenmedial kolportierten Primat des (vermeintlich) schönen Körpers etwas entgegenzusetzen. Bei Refn begegnet solche Kritik aber keineswegs plakativ sondern höchst subtil in einem hochgradig artifiziellen und durchgestylten Film, der als visuelle – und einmal mehr auditive! (wie schon bei „Drive“ wird die Atmosphäre zu einem guten Teil von einem kongenialen Soundtrack getragen) – Erfahrung jedem Cineasten ans Herz gelegt werden kann.

Alles irgendwie ein bisschen toll

… aber: Keiner findet sich schön von René Pollesch

Und wieder eines dieser Stücke, die dem zeitgeistaffinen Großstädter den Spiegel vorhalten. So haben wir Pollesch ansatzweise bereits kennengelernt, und da gibt er sich insbesondere auch mit Falk Richter und Sibylle Berg die Klinke in die Hand. Wieder einmal wird dem einsam durch die urbane Anonymität strauchelnden Individuum da auf den Zahn gefühlt, wo es wehtut: bei der dauernd neu enttäuschten, weil vermutlich von vornherein zu hochtrabenden Suche nach dem absoluten Glück – vor allem in Form von Liebeserfüllung. Da hat man es ja aber heutzutage auch wirklich nicht mehr leicht, in einem gefühlten Meer von Möglichkeiten und haltsuchend schwankend zwischen Schicksal und Algorithmen – denn natürlich sind „alle bei Tinder“ (und/oder Gleichklang.de, Parship.eu, OkCupid, Grindr), und also auch der Pollesch’sche Rezitator (in einer weitgehend reduzierten Inszenierung eine vielleicht besser treffende Bezeichnung als „Schauspieler“). Und von jeder Entscheidung – und drehe sie sich auch nur um die denkbar banalsten Dinge, wie ob man auf ein Iggy-Pop-Konzert geht oder zuhause bleibt, um „Robocop“ zu gucken, oder ob man Raucher ist oder Nichtraucher – kann letztlich ein ganzer Lebenslauf abhängen, sodass sich in der Kombination unterschiedlicher Weichenstellungen eine schier unüberschaubare Vielzahl alternativer Ausgänge ergibt, und selbstverständlich kann – rückwirkend teleologisch betrachtet – nur einer davon das erhoffte Glück parat halten. Chaostheorie lässt grüßen bzw. andererseits die immer noch bestürzende Erfahrung von totaler Kontingenz allen Daseins.

Wie also mit so einer Situation umgehen? Pollesch ist freilich einmal mehr weit eher Diagnostiker als Therapeut und hat selbst keine Lösungen anzubieten. Im Extremfall bleibt dann halt nur der Sprung vom Balkon; sicherlich die radikalste Entscheidung, die man fällen kann, aber für eine zynisch-objektive Analyse des großstädtischen Geisteslebens natürlich eine der möglichen Optionen. Von dem schon lange weitgehend marginalisierten „Opium fürs Volk“ ist ja leider kein Heilsversprechen mehr bindend – wenngleich wie auch in „Service/No service“ wieder eine Anspielung auf die Sphäre der Religion als Perspektive zumindest anklingt (aber der Schauspieler würgt die eingespielte Bibelrezitation durch Ben Becker gleich ab und zieht sie ins Lächerliche). Nur momentweise wird so etwas wie ein Zipfel von einem Lösungsansatz angerissen, wenn der Schauspieler in seinem Monolog eine Kritik an der Praxis des Onlinedatings formuliert: „Aber die riechen sich ja nicht!“ (man merke auf: Durch die Pronominalisierung als „die“ nimmt sich der Sprecher an dieser Stelle selbst aus und eine tendenziell exponierte Kommentatorenposition ein, während er ansonsten ja von eigenen Aktivitäten bei Tinder und Co. berichtet). Mit dem Rekurs auf den Geruchssinn wird implizit die hormonelle, ausdrücklich biologische Komponente bei der Partnerwahl starkgemacht, und der so aufgezeigte Ausweg wäre dann letztlich wie schon bei Rousseau: Zurück zur Natur! Oder nach Schweinfurt – denn nur weil man noch niemals in New York war, muss man doch nicht zwangsläufig andere Orte vernachlässigen.

In seiner Inszenierung bleibt das Stück technisch über weite Strecken recht minimalistisch: Einzig Fabian Hinrichs auf der Bühne, der in neutraler Kleidung über einer ostentativ künstlichen Wampe, die den stetig voranschreitenden Wertverlust des Körpers illustriert, welcher ja in dem entworfenen Szenario vom Single als Kapital auf den Jahrmarkt der Eitelkeit getragen werden muss, monologisch von der Kanzel herab – oder vielmehr von der Therapeutencouch – zum Publikum spricht. Auf die (Partnerschafts-)Börsensituation spielt auch das Bühnenbild an, indem der Boden mit seinen rot-weißen Stripes, die später durch die Kostüme einer Gruppe von Tänzern um die zugehörigen Stars vervollständigt werden, symbolisch auf das Musterland des Kapitalismus verweist. Gleichzeitig führt das Markenlogo Кока Кола im Zuschauerraum auf Kyrillisch vor Augen, dass sich die kapitalistische Marktlogik mittlerweile auch auf Bereiche erstreckt, denen man vor einiger Zeit insbesondere vom Rosa-Luxemburg-Platz aus noch etwas ganz anderes zugetraut hat. Für ein großes Finale wird aber schließlich doch noch einiger inszenatorischer Bombast mit Musik und Tanz aufgefahren, inmitten dessen auch eine Art Gefährte für die auf der Bühne geplagte Seele aufersteht.

Der Abend klingt dann aus mit einer Parodie von Frank Sinatra: „I did it your way.“ Vor dem bereits zugezogenen Vorhang kann das Publikum, mit sich allein gelassen, nur sich selbst damit angesprochen fühlen. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Wollen wir wirklich diesen Wahnsinn, wollen wir teilhaben an dem ständigen Wettbewerb um die am besten genutzte Zeit, am Ringen um die optimale Entscheidung zu jedem Zeitpunkt? Jedem einzelnen steht es doch jedenfalls frei, sich auf seine eigenen Bedürfnisse (My Way) zu besinnen und sich weniger nach der Mainstream-Kultur auszurichten, wie sie hier im Schauspiel karikiert wird.

Als der Vorhang sich wieder öffnet, bricht lang anhaltender Applaus los. So hässlich findet man sich wohl doch nicht. Zum Glück hat mich meine eigene Entscheidung an diesem Tag die Volksbühne dem heimischen Sofa vorziehen lassen, denn sonst wäre mir ein Stück popkultureller Zeitdiagnostik entgangen, das humoristisch daherkommt, ohne auf Tiefgang zu verzichten. Bester Pollesch also, wie er in dieser Saison nun wirklich nicht mehr lange in Berlin am Stammhaus erlebt werden kann.

Im Kopf das Ungeheuerlichste

Thomas Bernhards Das Kalkwerk an der Schaubühne

Theaterabende, die ein einziger Schauspieler alleine bestreitet, können, sofern sie gelingen, eine besonders intensive Erfahrung sein. Ich habe in einem Exkurs an anderer Stelle schon einmal einen solchen Eindruck angedeutet. Die außergewöhnliche Intensität wird damit zu tun haben, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers bei einer monologischen Inszenierung permanent auf dieselbe Stelle gerichtet und damit von vornherein zwangsläufig gefesselt ist, während der Blick bei szenischer Darstellung in Dialogen freier über die Bühne schweift und zwischen diversen Apperzeptionsangeboten hin- und herspringt. Der Monolog – v.a. wenn er auch körpersprachlich an das Publikum gerichtet ist wie im vorliegenden Fall – entwickelt eine (scheinbare) Zwiesprache zwischen Schauspieler und Publikum, bei der sich eine größere Anspannung aufbaut als beim Dialog, weil der Zuschauer hier nicht zurückgelehnt eine Szene beobachten und beiläufig ein Gespräch mitverfolgen kann sondern unmittelbar in das Gespräch verwickelt und so zu einem gewissen Teil selbst in die Szene gezogen wird.

Diese Anspannung lastet natürlich noch umso stärker auf dem Darsteller, denn der hat nicht nur ein enormes Textvolumen zu bewältigen, sondern weiß sich obendrein noch für die Dauer der Aufführung im Brennpunkt des gebündelten Zuschauerinteresses, ohne auch nur einen Augenblick lang Auszeit nehmen zu können. Eine solche Belastung muss ein Schauspieler erst einmal aushalten, aber in dieser Hinsicht gibt sich Felix Römer als Konrad (und zwischenzeitig per Cross-Dressing ebenfalls: Frau Konrad) keinerlei Blöße – zumindest nicht im übertragenen Sinne, denn buchstäblich bleibt dieselbe beim auf offener Bühne vollzogenen Kostümwechsel dann doch nicht immer ganz aus. Auch die besondere Herausforderung, die in der psychischen Konstitution der Bernhard’schen Figur angelegt ist, meistert Römer mit Bravour: „Wahn, Paranoia, Psychose, Manie, Zwänge, Verfolgungsängste und Verdrängungswünsche“ können Konrad nachgesagt werden (so im Kommentar des von Renate Langer im Rahmen der bei Suhrkamp erschienenen Werkausgabe herausgegebenen Bandes „Das Kalkwerk“ von 2004) und somit eine ganze Palette psychischer Störungen, die der Schauspieler in seiner Performance absolut adäquat und virtuos durchdekliniert. So steigert sich Römer bei Konrads Bericht über sein frustrierend unfruchtbares Bemühen, seine als großer Wurf konzipierte Studie über das Gehör u.a. mit der „urbantschitschen Methode“ voranzutreiben, bei der er seine ihm im Rollstuhl hilflos ausgelieferte Frau über Stunden mit identisch wiederholten Lauten, Wörtern oder Sätzen malträtiert („Mit dem Wort Rinnsal experimentiere er an die zehn Jahre, soll er zu Wieser gesagt haben“), in eine so außerordentliche Exaltation, dass man sich als Zuschauer einem leibhaftigen Irren gegenüber wähnt. „Kalkutta!“ schreit er etwa unvermittelt, um dem Publikum ein Beispielwort aus seinen Experimenten zu präsentieren, und man bekommt sofort einen Eindruck davon, wie diese Art von „Studien“ seiner Frau über kurz oder lang zusetzen muss.

Konrad steht aber auch unter einem gewaltigen, freilich seinem eigenen Anspruch geschuldeten Druck: Seinen Berichten zufolge trägt er sich seit Jahrzehnten mit der fixen Idee, die erste bedeutsame Studie über das Gehör zu schreiben, und hat die Arbeit nach eigenen Angaben auch schon vollständig im Kopf (er kann z.B. die geplante Gliederung in neun Kapitel beschreiben), nur ist es ihm partout nicht möglich, diese auch niederzuschreiben, was natürlich die Voraussetzung zur Veröffentlichung und damit eigentlichen Realisierung derselben wäre. Jedesmal wenn er sich daran macht, endlich mit der Niederschrift zu beginnen, kommt ihm irgendetwas dazwischen, weil er sich z.B. von Umwelteinflüssen oder Besuchern im Kalkwerk ablenken lässt oder in irgendwelchen Zwangsvorstellungen verstrickt und dadurch wieder nicht zum Schreiben kommt. Die Obsession geht sogar so weit, dass er mit seiner Frau quer durch Europa wieder und wieder umzieht, um sich jedesmal vermeintlich bessere Bedingungen für die Arbeit an der Studie zu schaffen, und im Kalkwerk scheinen schließlich die idealen Bedingungen gefunden zu sein, aber auch das stellt sich letztlich wieder als Trugschluss heraus. Die Beziehung zwischen Mann und Frau muss unter solchen Voraussetzungen zwangsläufig leiden, was schließlich auch in einer Katastrophe mündet, aber vorderhand zahlt Frau Konrad ihrem Gatten sein sadistisches Verhalten zumindest teilweise in selber Münze zurück. Sei es aus stupider Rache oder einfach weil sie von den Eskapaden ihres Mannes mürbe gemacht ist: Unentwegt strickt sie ihm dieselben Fäustlinge, die sie kurz vor Fertigstellung jedesmal wieder auftrennt, und spiegelt so ihrerseits Konrad und seine unabschließbare Studie.

Indem Felix Römer in der Inszenierung von Philipp Preuss nun beide Eheleute in Personalunion verkörpert, fügt er dem Panoptikum an psychischen Absonderlichkeiten quasi folgerichtig noch Schizophrenie hinzu (der Gipfel des Wahnsinns ist eine Szene, in der Konrad von den Pudergewohnheiten seiner Frau spricht und sich dazu auf der Bühne einer Panade unterzieht, indem er sich umständlich durch Mehl, Eigelb und Semmelbrösel wälzt) und erntet am Ende auch einigen ordentlich erarbeiteten Applaus für seinen psychosomatischen Parforceritt. Der kann auch deshalb so gut zur Geltung kommen, weil er auf dem Präsentierteller einer als glitzerndem White Cube mit einfachem Stuhl weitgehend neutralen Bühne dargeboten wird, was die schauspielerische Leistung noch ein Stück weiter in den Fokus rückt. Die weiße Rückwand wird zwischenzeitig als Projektionsfläche für Nahaufnahmen von Römers Mienenspiel genutzt, wobei sich ein Hauch von Shining abzeichnet. Kassettenrekorder und Mikrofone, die als weitere technische Medien zum Einsatz kommen, führen mit einigen schrillen Frequenzen den peinigenden Aspekt von Konrads Experimentierwahn ausdrücklich vor Ohren, können der Iszenierung aber ansonsten kaum etwas hinzufügen außer einer angesichts des Sujets naheliegenden akustischen Spielerei. Nichtsdestotrotz ein amüsanter und auch in der dritten Spielzeit noch bestens besuchter Abend, der nicht nur Bernhard-Fans zufriedenstellen dürfte.

Schall und Rauch – und Trump

Paul Auster liest in Berlin aus seinem neuen Roman „4 3 2 1

Gemessen am Maßstab des Literaturbetriebs kann dieser Mann wohl als Weltstar gelten. Seine Romane sind internationale Bestseller und vermögen nicht nur Literaturwissenschaftler zu begeistern, sondern erreichen auch ein großes Publikum, und als preisgekrönter Drehbuchautor ist er mit dem Spielfilmzweiteiler „Smoke/Blue in the Face“ (1995) wohl einem noch umfassenderen Adressatenkreis bekannt geworden. Was Wunder also, dass die Eintrittskarten für die Lesung von Paul Auster in Berlin wie bei einem großen Popstar innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren. Und entsprechend frenetisch feiert das Publikum – von der Erstsemesterin bis zum Senioren – dann auch den Auftritt des amerikanischen Schriftstellers, der von einem langjährigen Weggefährten und Verlegerfreund, dem ehemals ersten Kulturstaatsminister der Bundesrepublik Deutschland Michael Naumann, anekdotenreich und launig anmoderiert wird.

Die Anekdoten sind es dann auch, die vor allem von dem Abend übrig bleiben, denn die von dem Schauspieler und vielseitig Kulturschaffenden Hanns Zischler teilweise zu hastig heruntergeleierte Lektüre des Kapitels „1.3“ – abgerundet von der von Auster selbst etwas vernuschelten Lesung des Kapitelfinales – verpuffen dann doch als etwas abstrakt und quasi genauso wie der Dampf der von Auster zuvor demonstrierten E-Zigarette. Das mag zwar einerseits einer nicht ganz idealen Raumakustik geschuldet sein, muss andererseits aber auch einem aus Sicht der Schulrhetorik missglückten attentum parare angelastet werden, denn nachdem im der Lesung vorangegangenen Interview der besondere Clou des Romans herausgestellt worden ist, den bei modifizierten äußeren Parametern je verschiedenen Lebenslauf des im Kern immer gleichen Archie Ferguson zu entfalten, sodass der Zuhörer nun vor allem an der Hauptfigur interessiert wäre, kommt dieser Archie in der gelesenen Passage nur am Rande vor (da diese auf eine Episode von Vater und Onkel fokussiert ist). Zudem versteigt sich der Moderator bisweilen in etwas zu ehrfürchtiges Pathos, indem er Auster etwa zuschreibt, mit der Konzeption von alternierenden Parallelerzählungen etwas grundsätzlich Neuartiges geschaffen und eine „terra incognita“ betreten zu haben. Auster relativiert das umgehend mit dem Hinweis, es habe seines Erachtens mindestens eine Art Vorbild im Werk eines (polnischen?) Regisseurs gegeben. Und in Berlin hätte man wenigstens auch an Tom Tykwers „Lola rennt“ denken können, wo gleichermaßen alternative Handlungsverläufe ein und derselben Ausgangssituation vorgeführt werden – wenn auch nur auf einen Ausschnitt von 20 Minuten beschränkt. Aber sei’s drum – Berlin ist dafür mit dem Hinweis des Moderators, dass es in der vierten Zeile von Austers Roman erwähnt wird, gleichsam schon auf seine Kosten gekommen.

Die Anekdoten sind es also, die bleiben – z.B. dass der Autor der bereits angesprochenen filmischen Liebeserklärung an das Rauchen eben dieses über dem Schreiben des aktuellen Romans aufgeben musste, weil der Husten einfach zu schlimm wurde (bzw. es durch das Dampfen von E-Zigaretten ersetzt hat, wobei sich offenbar willkommenerweise die Nikotinzufuhr bequem erhöhen lässt). Vor allem aber und viel stärker natürlich die „Nahtoderfahrung“ des vierzehnjährigen Auster, der von einem Blitz getötet worden wäre, wenn der Einschlag nur vier Sekunden später erfolgt wäre, was in dem Countdown „4 3 2 1“ gleichsam noch anklingt (dieses Schicksal hat stattdessen einen Kameraden auf einer Jugendfreizeit ereilt, der auf der Flucht vor einem Gewitter in der Reihe vor Paul getroffen wurde).

Zu guter Letzt ringt der Moderator dem Amerikaner auch noch das unter Intellektuellen in Deutschland sozusagen zwangsläufig erwartete Statement zum Regierungswechsel in den USA ab. Auster äußert sich spürbar widerwillig zu dem von ihm nur als „D. T.“ verfemten präsidialen Unfall und erläutert, dass die Verhältnisse in seinem Land kompliziert seien, da man sich anders als in Deutschland nicht mit den dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt habe, um so zu einer stärkeren Nation reifen zu können. Für das Lob für die vorbildliche deutsche Gedächtniskultur erntet Auster spontanen Applaus, ebenso wie Gelächter für die Randnotiz, die Österreicher seien ihm dagegen immer als „angry people“ vorgekommen. Schließlich gibt er noch preis, dass ihn die jüngsten Entwicklungen in den USA dezidiert dazu aufrufen, im Rahmen seiner Kandidatur für den Vorsitz über die amerikanische Abteilung im Schriftstellerverband P.E.N. die Stimme auch im Sinne von politischem Aktivismus zu erheben. Wünschen wir ihm dabei gutes Gelingen. Dass er die Sprachgewalt und das Charisma hat, um sein Publikum zu fesseln, hat er an diesem Abend in Berlin jedenfalls bewiesen.

Vision Is a Dancer

Lars von Triers Ausnahmemusical Dancer in the Dark

„In a musical, nothing dreadful ever happens.“ Wenn es ein für allemal stimmen würde, was die von Björk verkörperte Selma in Lars von Triers Dancer in the Dark (2000) sagt, dann dürfte der Film wohl nicht als Musical angesehen werden. Allerdings gibt es regelmäßig Gesangseinlagen, die obendrein meist eingebettet sind in teilweise aufwändig choreografierte Tanzszenen, sodass die einschlägigen Genrekonventionen zweifellos bedient werden, und zudem wird Selma noch als absolute Musical-Enthusiastin gezeichnet, die nicht nur Klassiker des Genres im Kino bewundert sondern auch selbst in einer Laiengruppe für ein Musical probt. Es steht somit außer Frage, dass von Trier auf mehreren Ebenen eine Hommage an die Tradition des Musicalfilms abliefert, nur tut er dies auf die ihm eigentümliche Weise. Er bricht nämlich mit der Konvention, die das Musical üblicherweise mit leichten Kömodienstoffen vermählt, und präsentiert stattdessen ein Trauerspiel von geradezu antiker Schicksalsschwere: Der Meister des Feelbad-Movies drückt dem Genre seinen depressiven Stempel auf und prägt es um zum Woe-sical.

Als ich den Film vor Jahren zum ersten Mal sah – es muss im Programm von arte oder 3sat gewesen sein -, wusste ich noch nichts von dem Werkkontext, aber den Namen des Regisseurs ebenso wie den Kloß im Hals, den mir sein Film gemacht hatte, sollte ich danach nicht mehr vergessen. Zu intensiv und nachhaltig war das Gefühl von Bestürzung und buchstäblichem Mitleiden, das sich anlässlich der Ungerechtigkeit einstellt, von der Selma hier mit unerbittlicher Härte zermalmt wird. Von Trier zieht dazu aber auch alle Register: Da die alleinerziehende Mutter an einer Erbkrankheit leidet, die ihr in Kürze vollends das wenige noch verbliebene Augenlicht rauben wird, arbeitet sie aufopferungsvoll daran, durch Überstunden und einen entbehrungsreichen Lebensstil so viel Geld auf die Seite zu schaffen, um ihrem Sohn eine Operation zu ermöglichen, die ihn davor bewahren soll, von demselben Schicksal ereilt zu werden. Aufgrund ihrer fortschreitenden Erblindung gelingt es Selma jedoch immer weniger, in der Fabrik das verlangte Arbeitspensum zu erbringen, und nachdem sie durch eine Unachtsamkeit auch noch eine Maschine beschädigt hat, wird sie schließlich entlassen. Als sie die somit letzte Lohntüte in ihrer Spardose verstauen möchte, muss sie feststellen, dass das mühsam angesammelte Geld verschwunden ist. Völlig zurecht verdächtigt sie ihren Vermieter Bill, dem sie sich kurz zuvor in Freundschaft anvertraut und dafür im Gegenzug erfahren hat, dass dieser von so großen Geldsorgen geplagt wird, dass er schon mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen. Anders als Selma hat der Zuschauer außerdem gesehen, dass Bill ihre Blindheit ausgenutzt hat, um heimlich zu beobachten, wo sie ihr Erspartes aufbewahrt. Als Selma Bill zur Rede stellt, um ihr Geld zurückzufordern, streitet dieser die Tat auch gar nicht ab, bezichtigt sie aber gegenüber seiner Frau dennoch des Diebstahls und nötigt sie schließlich dazu, das zu tun, wozu er selber nur noch nicht imstande gewesen ist: seiner Scham ein Ende zu setzen und ihn zu töten. Daraufhin wird Selma als Raubmörderin gesucht und muss letzten Endes auch die ganze Härte von Justitia, die mit ihren verbundenen Augen bekanntlich ebenso wenig gut sehen kann wie Selma selbst, am eigenen Leib erfahren.

Zwei Welten prallen hier also aufeinander: die heiter-unbeschwerte des Musicals, in der „nie etwas Schreckliches passiert“, und eine eher pessimistische Version der Wirklichkeit, in der Menschen mit niederträchtigsten Motiven für so manche Ungeheuerlichkeit sorgen. Erstere wird prototypisch von Selma verkörpert, die gleichsam das Musical ganz lebt, und der Kontrast mit der prosaischen Realität erzähltechnisch noch dadurch hervorgehoben, dass die Musical-Szenen teilweise als ihrer Fantasie entsprungen markiert werden. Ähnlich wie Brechts guter Mensch von Sezuan flüchtet sich Selma in eine alternative Welt, wenn die Zumutungen der realen zu viel für ihr kindlich unschuldiges Gemüt werden, nur ist es hier keine aggressivere Version ihrer selbst, die Abhilfe schafft, sondern Tanz und Gesang als Analgetikum. Rhythmus und Melodie machen ihr so nicht nur die Monotonie der Fabrikarbeit erträglich sondern helfen später auch dabei, die Bluttat zu ratifizieren (so erhebt sich etwa der getötete Bill noch mal zum Tanz, um sie im Gesang freizusprechen: „You are forgiven“), und tragen am Ende sogar über die Mordanklage und Verurteilung hinweg.

Und den Zuschauer trösten sie für die Bitterkeit der Geschichte. Der ist durch die an die Intimität privater Familienvideos gemahnende zoomfreudige Kamera nämlich ansonsten so dicht am Geschehen, dass ihm die erschütternden Ereignisse wirklich nahegehen und die (von Björk selbst geschriebenen) Lieder somit für eine willkommene illusionsbrechende Abwechslung sorgen. Zumindest hatte ich beim Wiederbetrachten den Eindruck, dass die Musik der schweren Tragik des Stoffes doch einige Leichtigkeit entgegensetzt und so dem Kloß im Hals entgegenwirken kann – wenngleich von Trier sie in der Schlussszene als der Bewältigung einer grausamen Realität gegenüber fatal illusionär buchstäblich abwürgt. Eine lohnende Erfahrung – obendrein mit Björk als schauspielerischer Offenbarung, die einen etwas ratlos zurücklässt darüber, dass dieser Karriereweg praktisch nicht weiter beschritten wurde -, eine Erfahrung also, die man ruhig mehrfach machen kann, und somit ein würdiger Auftakt für meine neue Rubrik „Lieblinge“.