Bis einer heult

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

„Wie häufig kommt es vor, dass ein Roman so tief aufwühlt, dass man beim Lesen weinen muss, und dabei so erhellend und erhebend von menschlicher Güte spricht, dass man sich zugleich von Gnade erfüllt fühlt? […]“

Ein Zitat wie dieses aus dem San Francisco Chronicle als Klappentext macht mich in der Regel eher skeptisch, als dass es mich wohlwollend zu einem Roman greifen lässt – zumal sich dieser pathetische Gestus auch durch die weiteren aufgeführten O-Töne genauso fortsetzt. Abgeschreckt hat mich dieses Marketing dann letztlich aber auch nicht, und neugierig u.a. durch die Besprechung in der ZEIT habe ich mich also an die Lektüre des Romans „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara gemacht, bei dem es sich um einen massiv beworbenen Hit des literarischen Frühjahrs und mittlerweile Bestseller handelt (so jedenfalls die Rubrizierung der öffentlichen Bibliotheken Berlins).

Und es stimmt. Die Geschichte der vier Freunde (in der Reihenfolge ihres Erscheinens) Willem, Jude, JB und Malcolm, die hier buchstäblich in epischer Breite (über 950 Seiten) entfaltet wird, entwickelt sich tatsächlich zu einer solchen emotionalen Achterbahnfahrt, dass auch ich beim Lesen ein- oder zweimal (im Jargon meiner Heimat) „Pipi inne Augen“ hatte. Anders als in der Inhaltsangabe auf dem Klappentext angegeben handelt der Roman aber nicht unbedingt „von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern“. Jedenfalls nicht lebenslang im Sinne einer Sandkastenfreundschaft, denn die vier lernen sich erst auf dem College kennen, und genau daraus erwächst auch die Spannung der Erzählung: Wie sich nach und nach herausstellt, verbirgt Jude hinter sich eine Vergangenheit, die so entsetzlich ist, dass er selbst gegenüber seinen engsten Vertrauten damit bis zum Ende nicht ganz herausrückt. Und andererseits ist der Roman so sehr auf Jude fokussiert, dass es hauptsächlich um seine Entwicklung und die sich wandelnden Beziehungen zu seinem Umfeld geht, und dabei nimmt JB eine ambivalente und Malcolm eine doch weitgehend zu vernachlässigende Rolle ein, sodass es letztlich die von vornherein besonders innige und sich doch ebenfalls auf unvorhersehbare Weise wandelnde Freundschaft zwischen Jude und Willem ist, die im Zentrum der Handlung steht.

Was man im Laufe der Lektüre von Judes Hintergrund erfährt, ist wie gesagt so entsetzlich, dass es einem schlichtweg die Sprache verschlägt und tatsächlich stellenweise die Tränen in die Augen treiben kann. Der Leser taucht hier in das Seelenleben einer Figur ein, der nichts Unmenschliches fremd ist: Jude macht im Laufe seines Lebens eine nicht abreißende Serie von Grausamkeit und Misshandlungen durch, die jedes überhaupt zu Empathie fähige Gemüt gehörig jammern und schaudern lässt. Zwangsläufig verschanzt er sich in einem Panzer aus Selbsthass, für den die Misshandlung der eigenen Person etwas so Selbstverständliches ist, dass er Gewalt als die sozusagen natürliche und einzig plausible Form des Verhaltens ihm gegenüber empfindet und mit ihm entgegengebrachter Freundlichkeit und Zuneigung gar nicht mehr umgehen sondern solche Erlebnisse nur noch als zeitweilige Fehltritte und irritierende Störung der vermeintlichen Ordnung wahrnehmen kann. Dieses so bemitleidenswert verzerrte Selbstbild ist dabei derartig plastisch erzählt, dass es gewaltig an die Nieren geht und dem Leser einiges abverlangt. Mein Titel „Bis einer heult“ ist in diesem Sinne gar nicht so sehr auf Jude bezogen, dessen Trauma so verstockt ist, dass es sich nur noch in den seltensten Momenten in Tränen entladen kann, als vielmehr auf den Rezipienten, der durch die Schilderung selbst in Mitleidenschaft gezogen werden kann (wenngleich meine spontane Assoziation zu dem Porträt auf dem Cover „Heulsuse“ war – was neben dem Klappentext meine anfängliche Skepsis dem Roman gegenüber mitbegründet hat – und man die abgebildete Person im Laufe der Lektüre mit Jude identifizieren muss).

So viel zur ersten Hälfte des Romans. Ab der Mitte des Buches wird es dann für meine Begriffe alles ein bisschen viel. Man mag es als narrative Strategie von Yanagihara ansehen, den Leser – nachdem sie ihn in den Abgrund einer gebrochenen Seele hinabgezogen hat – über hunderte von Seiten nicht mehr aus dem Elend auftauchen zu lassen, um die Schwere der Traumatisierung zu vermitteln, aber der Roman tritt damit gewissermaßen auf der Stelle. Wieder und wieder wird noch eine Schüppe draufgelegt, aber angesichts der Perpetuierung des Leidens erschöpft sich das Mitleid doch irgendwann und bekommt etwas Enervierendes (das unsägliche, weil unzählig wiederholte und meist pathologisch deplatzierte „Es tut mir leid“ von Jude). Hier wäre meiner Ansicht nach weniger mehr gewesen, um das Risiko zu minimieren, dass Leser aussteigen, weil sie es schlichtweg nicht mehr aushalten. Vielleicht gehört es aber zum Programm, dass der Leser sich durch den Roman gleichsam selbst kasteien muss, um zu einem gewissen Grad selbst zu Jude zu werden (eine Sphäre (katholischer) Religiosität ist der Erzählung allein schon durch die Namen „Jude St. Francis“ und „Jean-Baptiste“ unverkennbar mitgegeben und könnte eine systematische Analyse verdienen).

Von dem Manko einer gewissen Langatmigkeit abgesehen handelt es sich bei „Ein wenig Leben“ aber ohne Frage um ein außergewöhnliches Buch, das das frenetische Lob seiner Kommentatoren rechtfertigt. Auch ich kann mich dem eingangs zitierten Urteil anschließen, dass ich mich selten von einem Roman in vergleichbarer Intensität gepackt gefühlt habe wie in diesem Fall. Yanagihara rollt die Geschichte geschickt analytisch auf, sodass der Leser mit der Frage nach den Ereignissen in Judes Kindheit und Jugend, die nach und nach aufgedeckt werden, gespannt bei der Stange gehalten wird, und erzählt in einem unaufdringlichen Stil, der das Versinken in der Fiktion begünstigt und doch behutsam akzentuiert zu poetisch schönen Bildern aufsteigt. Als einzige Besonderheit lässt sich eine wiederkehrende perspektivische Unbestimmtheit in der personalen Erzählsituation nach Abschnitts- oder Kapitelwechseln beobachten. Mehrfach beginnt ein neuer Abschnitt mit der Perspektive eines unbestimmten „Er“, bei der zunächst unklar bleibt, aus wessen Blickwinkel gerade erzählt wird (besonders anschaulich am Anfang von Teil 1 im letzten Kapitel – hier sogar in Form einer direkten (Brief-)Rede in der ersten und zweiten Person: „Am zweiten Jahrestag Deines Todes fuhren wir nach Rom. Das war Zufall und dann auch wieder nicht: Er wusste und wir wussten, dass er aus der Stadt hinaus-, dass er möglichst weit weg von New York State sein musste.“). Hier muss sich der Leser aus dem, wie und über wen gesprochen wird, selbst erschließen, wessen Stimme er gerade vernimmt, bevor der Name genannt wird. Dieses Mittel erzählerischer Informationsverknappung setzt beim Leser ein gewisses Engagement voraus, sich spontan selbst innerhalb der Figuren zu verorten, und trägt so zu einem Teil dazu bei, diesen in die Geschichte hineinzuziehen, und baut mit an der immersiven Illusionsbildung bzw. der atmosphärischen Dichte des Romans.

Fazit: Sicherlich keine leichte Strandlektüre aber dem anspruchsvolleren Leser angesichts der bislang vorherrschenden Schwundstufe von Sommer schon jetzt, spätestens aber im Herbst zur Lektüre wärmstens empfohlen.

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2 Kommentare

  1. Giselas Bücher · August 13

    Hallo

    Ich habe jetzt erst mal nur dein Fazit gelesen. Das Hörbuch hat mir gut gefallen. Nun möchte ich auch noch das Buch lesen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir dieses Buch gefällt. Lange Zeit hat mich das Cover abgeschreckt.

    Einen schönen Sonntag und viele Grüße,
    Gisela

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    • von Schnabelstedt · September 11

      Mit dem Cover ging es mir genauso, aber ich bereue es im Nachhinein nicht, darüber hinweggesehen zu haben. Hast Du jetzt denn jetzt wirklich noch mal mit der Lektüre begonnen? Wenn Du das Hörbuch gehört hast, kennst Du doch den ganzen Inhalt eigentlich schon …

      Gefällt mir

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